Vom Leben nach der blista
Von Dallas nach Brüssel – Ein 10-Jahresrückblick
Jeden Morgen, wenn ich zu meiner Arbeitsstelle gehe und sich links neben mir die Europäische Kommission und rechts der Europäische Rat erstreckt, erfasst mich ein Gefühl voller Vorfreude, Stolz und auch etwas Demut.
Dass ich heute im politischen Herzen Europas arbeite, war keineswegs das Ziel eines scharfsinnig ausgeklügelten 10-Jahresplans. Rückblickend kann ich jedoch mit ziemlicher Treffsicherheit den Stein ausmachen, der alles ins Rollen brachte.
Dallas: August 2016 – Juni 2017
August 2016. Frankfurt Flughafen. Ich hatte gerade die 10. Klasse an der blista abgeschlossen. Mit Sack und Pack trat ich mein Auslandsjahr in einem der Bundesstaaten an, der für viele Menschen am sinnbildlichsten für die USA steht. Voller freudiger Erwartung und kurz vor einem Nervenzusammenbruch machte ich mich auf den Weg nach Dallas, Texas, um dort die 11. Klasse der Lovejoy High School zu besuchen. In diesem Jahr sollte ich viele Once-in-a-Lifetime-Momente erleben, wie einen Trip nach Washington, D.C., Jetski fahren, Ausritte durch die texanische Prärie, Thanksgiving oder die Teilnahme an High School Wrestling Turnieren. Es gab allerdings auch Momente, in denen meine Sehbehinderung zu viel Frustration führte: Eine wiederkehrende Herausforderung war es zum Beispiel, den weißen BMW meiner Gastmutter unter den anderen 30 weißen SUVs auf dem Schulparkplatz zu erkennen, was regelmäßig dazu führte, dass ich ins falsche Auto einstieg. Eine besonders peinliche Erinnerung war der Abend des Abschlussballs, an dem für mich meine aufgeklebten Wimpern wichtiger waren, als meine Brille aufzusetzen, was beim Restaurantbesuch vor dem Abschlussball dazu führte, dass ich mit einem Kellner, der gerade mehrere vollbeladene Pasta-Teller jonglierte, kollidierte. Auch kulturelle Unterschiede erwiesen sich als kleine Fallstricke, zum Beispiel als ich meinem 12-jährigen Gastbruder aus Versehen verriet, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Auch gab es während meines einjährigen Aufenthaltes traurige Momente, wie die Trennung meiner Gasteltern. Nichtsdestotrotz war es eines der schönsten Jahre meines Lebens und meine Gastfamilie habe ich seitdem mehrfach besucht. Ein Auslandsjahr, in meinem Fall mit der Organisation AFS (American Field Service), kann ich jeder Person empfehlen, die neugierig und offen für Neues ist und sich selbst gerne challenged. Texas hat insofern den Stein für mich ins Rollen gebracht, als dass ich danach nicht nur perfekt Englisch konnte, ich lernte auch ein hohes Maß an Eigenverantwortung und Resilienz, indem ich die Dinge, die außerhalb meiner Kontrolle lagen, so nahm, wie sie eben kamen.
Zurück in Deutschland begann die Q-Phase für mich, also Klasse 12 und 13 auf der Carl-Strehl-Schule. Und wer hätte damals gedacht, dass meine heutige Arbeit beim EAD eine Kombination meiner drei liebsten Fächer in der Oberstufe ist: PoWi, Englisch (beide als Leistungskurs) und Ethik. Aber verwunderlich ist es nicht, hatte ich doch super motivierende und anspruchsvolle Lehrer*innen in den Fächern, die mich – nicht nur fachlich – inspirierten.
Brüssel: Oktober 2025 – Februar 2026
Tatsächlich befasst sich meine Arbeit beim EAD, dem Diplomatischen Dienst der EU in Brüssel, bei dem ich seit Oktober 2025 ein Traineeship mache, mit drängenden politischen und ethischen Dilemmata. Kommuniziert wird dabei auf Englisch. Unsere Arbeit in der Abteilung für Menschenrechte befasst sich mit der Umsetzung von Menschenrechten wie Redefreiheit, Verbot der Todesstrafe oder dem Recht auf saubere Umwelt in Drittstaaten, also Ländern außerhalb der EU. Themen sind zum Beispiel die brutale Unterdrückung der Bevölkerung im Iran, die politischen Gefangenen in Belarus und die Verstöße gegen das Völkerrecht im Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Zudem veranstalten wir regelmäßige Menschenrechtsdialoge, u. a. mit Saudi-Arabien und Kolumbien, und tauschen uns mit zivilgesellschaftlichen Akteuren und Aktivisten aus, um deren Erfahrungen in die EU-Politik einzubinden. Ein Traineeship ist ein längeres Einstiegsprogramm nach dem Studium, bei dem man thematisch und praktisch in alle Aspekte des Jobs eingebunden ist, dadurch Erfahrungen sammelt und gezielt auf eine feste Position vorbereitet wird – im Unterschied zum Praktikum, das oft zur ersten Orientierung dient.
Ein Traineeship ist jedoch weder eine Voraussetzung noch eine Garantie letztendlich bei der Organisation arbeiten zu können, man hat aber einen „Fuß in der Tür“. Meine Aufgaben bestehen hauptsächlich darin, Debatten im EU-Parlament und im Rat zu verfolgen, eng mit Mitgliedsstaaten zusammenzuarbeiten, zum Beispiel beim Definieren der EU-Prioritäten in UN-Foren oder hochkarätige Besuche zu organisieren, wie im Januar 2026 den Besuch eines UN-Sonderberichterstatters.
Die Arbeit macht mir großen Spaß, was an dem klugen, dynamischen und interkulturellen Team liegt, in dem ich arbeite - eine Atmosphäre, in der ich jeden Tag etwas Neues lerne, sowohl fachlich als auch über mich selbst, und in der gemeinsam, oft gegen Widerstände, für eine friedlichere und gerechtere Welt gekämpft wird. Dass Personen, die sich für Menschenrechte einsetzen, ein ganz besonderer Menschenschlag sind, wurde mir erstmals während meines Studiums bewusst.
Wien (und Chicago): Oktober 2020 – Juni 2024
Die Fächerkombination Philosophy, Politics und Economics in meinem Bachelorstudiengang hielt ich nach dem Abi für den perfekten Weg. Doch bevor ich richtig loslegen konnte, musste ich mich noch einigen Augen-OPs unterziehen. Außerdem absolvierte ich in diesem Jahr auch noch ein zweimonatiges Praktikum in Conacry, Guinea, bei einem Unternehmen, das Medikamente an NGOs, Krankenhäuser und Apotheken verteilte. Da ich unbedingt im Ausland studieren wollte, bewarb ich mich bei der Central European University, einer internationalen Uni, die aufgrund ihrer „zu linken“ Weltanschauung aus Budapest rausgeschmissen wurde und nach Wien umziehen musste. Was hoch motiviert begann, verlor sich allerdings nach dem ersten Trimester im coronabedingten Lockdown, in Isolation und Gleichgültigkeit gegenüber meinem Studium und meinen weiteren Zielen. Deshalb bewarb ich mich aus einer Laune heraus 2022 für ein Auslandssemester an der University of Chicago.
An der UChicago wählte ich Kurse in den Bereichen Politik und Wirtschaft, die für meinen Bachelor in Wien anerkannt wurden. Unter anderem belegte ich einen interdisziplinären Kurs, der von der Einschränkung von Freiheiten und Rechten unter dem politischen Vorwand, diese langfristig zu schützen, zum Beispiel im Rahmen von Anti-Terror-Maßnahmen, handelte. Dies war der Beginn meines Enthusiasmus für Menschenrechte, welchen ich mit einem Master in Human Rights in Wien festigte.
Während meines Masters startete ich dann durch: ich machte eine Ausbildung als Peer-Advisor, übernahm die Leitung des Think Tanks meiner Uni, und repräsentierte meine Uni bei Konferenzen in Oxford und London. Zum ersten Mal nach meiner Zeit an der blista hatte ich enge Freundschaften geschlossen und mich richtig zu Hause gefühlt. Eine meiner schönsten Erinnerungen war eine Weihnachtsfeier, die wir 27 Student*innen vom Programm Human Rights veranstalteten – Essen aus vielen verschiedenen Ländern, Wichteln, Spiele und Weihnachtslieder. Eine weitere besondere Erfahrung war meine Arbeit mit obdachlosen Menschen im Rahmen meiner Masterarbeit. Diese wurde begleitet von einer Professorin, welche mein Engagement gegen soziale Ausgrenzung und für Menschenrechte förderte und zu einer wichtigen Vertrauensperson für mich wurde – während und auch nach dem Studium.
Eine weitere wichtige Person, die mich bis heute begleitet, ist die Behindertenbeauftragte meiner Uni. Mit der Hartnäckigkeit eines Terriers hat sie mich gelehrt, niemals Larifari-Antworten zu akzeptieren, wenn es um meine Forderungen nach Nachteilsausgleich und Hilfsmitteln geht. Sie hat zwischen Professor*innen und mir vermittelt, mir mit den Vorbereitungen für Chicago geholfen. Dank ihrer Hilfe habe ich hundert Prozent mehr Zeit für Klausuren mit unübersichtlichen Aufgaben bekommen, wie zum Beispiel in Statistik. Ich habe alle Vorlesungsmaterialien digital vor den Vorlesungen bekommen, durfte die Klausuren an meinem iPad oder Laptop in einem separaten Raum schreiben, die Büros meiner Professor*innen bekamen DIN-A4 große Raumnummern, und ich habe in Chicago in einem Dorm Room (Mehrbettzimmer) auf dem Campus wohnen dürfen, anstatt mir eine Wohnung suchen zu müssen.
Mit der Einstellung „es handelt sich nicht um Extrawürste, sondern um meine Rechte“ habe ich später routiniert zu Beginn meiner Zeit beim EAD in Brüssel gesagt, was ich brauche: einen mindestens 27 Zoll Bildschirm und jemanden, der mich zu Meetingräumen begleitet, da ich die Raumnummer nicht sehe. Mein Team verriet mir nach einigen Monaten, dass sie Bedenken hatten, wie „leistungsfähig“ ich wäre, da sie noch nie mit einer Person mit Behinderung gearbeitet hatten. Die Vorbehalte meines Teams, ich fragte bei Gelegenheit einmal nach, wurden aber nicht bestätigt, im Gegenteil. Doch natürlich blieben peinliche Momente auch hier nicht aus. So habe ich mich zum Beispiel bei einem Networking Event aus Versehen meiner Kollegin vorgestellt, mit der ich seit vier Monaten ein Büro teilte.
Es gab jedoch auch Situationen, die mich fast an meine Grenzen gebracht haben: So wurde mir zunächst die Teilnahme an einem EU-Auswahlverfahren verwehrt, da ich zum Testzeitpunkt nicht mehr in Brüssel gewesen wäre und den Test – anders als rund 2000 andere Teilnehmende – nicht online ablegen konnte, weil sich die Schriftgröße nicht anpassen ließ. Nach langem Hin und Her wurde schließlich Frankfurt als Testort festgelegt. Für Menschen mit wenig oder keinem Sehvermögen bedeutet die Anreise an einen unbekannten Ort jedoch zusätzlichen Stress – und keine gleichwertigen Bedingungen im Vergleich zu denen, die den Test entspannt von zu Hause schreiben können. Das frustrierende war in dieser Situation nicht, dass ich den Test nicht unter gleichwertigen Bedingungen schreiben konnte, sondern vielmehr die fehlende Bereitschaft der Organisatoren, sich mit mir konstruktiv über Lösungen auszutauschen – eine Erfahrung, die im Arbeitsalltag keine Seltenheit ist.
Straßburg: Oktober 2024 – Oktober 2025
Direkt nach meinem Master, und inspiriert von besagter Professorin, absolvierte ich ein Traineeship beim Europarat, einer Europäischen Menschenrechtsorganisation mit 46 Mitgliedsstaaten. In der Abteilung gegen Diskriminierung und für Gleichheit befasste sich meine Arbeit hauptsächlich mit Diskriminierung aufgrund von Armut und im Kontext von KI und Minderheiten und ich habe dabei viel über die Arbeit internationaler Organisationen gelernt. Auch hier gab es kuriose Momente, angefangen damit, dass ich zu einer Krankenschwester anstelle einer Behindertenbeauftragten geschickt wurde, bis hin zum Kommentar einer Kollegin, dass meine Bitte um einen Arbeitslaptop, um bei Meetings digital mitschreiben zu können (private Laptops sind aus Sicherheitsgründen verboten und hand- möchte. schriftlich mitzuschreiben ist mir nicht möglich), doch diskriminierend gegenüber allen anderen Trainees sei, die keinen Laptop bekommen. Und nein: Diskriminierung bedeutet nicht nur, Menschen in gleichen Situationen unterschiedlich zu behandeln. Es kann auch diskriminierend sein, Menschen gleich zu behandeln, wenn sie andere Bedürfnisse haben.
Mein Traineeship im Europarat war dennoch sehr bereichernd, besonders dank der engen Freundschaft zu den anderen Trainees. Um die Arbeit des Europarats auch von der Seite der Mitgliedsstaaten kennenzulernen, bewarb ich mich Ende 2024 mit Erfolg als Jugenddelegierte. Als Repräsentantin Deutschlands beteiligte ich mich mit 45 weiteren Jugenddelegierten aus allen Ländern Europas an Debatten zu Themen wie Krisenvorbereitung, Wohnungsmangel und Drogenpolitik im Kongress des Europarats. Außerdem setzten wir uns gemeinsam für die Freilassung unseres türkischen Kollegen ein, der auf Grund seiner Kritik an der Verhaftung von Istanbuls Bürgermeister von der Türkei festgenommen wurde. Ein besonderes Highlight war auch eine Projektwoche zum Thema politische Teilhabe an der blista, die ich mit zwei Lehrer*innen leiten durfte und die auch einen Austausch mit Marburgs Oberbürgermeister und dem Leiter der deutschen Delegation des Europarats umfasste.
Von Dallas nach Brüssel – Lessons Learned
In Brüssel ist es mittlerweile dunkel geworden. Während ich mich auf der Rue de la Loi zwischen Rat und Kommis- sion auf den Heimweg mache, kommen mir zwei „Lessons-Learned“ in den Sinn, mit denen ich gerne abschließen möchte:
- Umgib dich mit Menschen, die dich voranbringen - beruflich wie persönlich. Ein Netzwerk mit Menschen, die dir Energie geben, die ehrlich zu dir sind, mit denen du gemeinsam Probleme konstruktiv angehen kannst, die dich schätzen und fordern.
- Mach deine Behinderung zur Stärke: Dadurch, dass wir mindestens doppelt so viel Energie aufwenden müssen, um zu erreichen, was andere erreichen und dass wir für jeden Zentimeter an „Zugeständnissen“ kämpfen müssen, sind wir resilienter, kreativer und kommunizieren klarer und empathischer als der Großteil der Menschen. In meiner Erfahrung beugt man dadurch nicht nur Vorurteilen vor, man sticht auch positiv in jeder Bewerbung hervor.
Wenn dieser Artikel in den blista-News erscheint, ist meine Zeit beim EAD bereits Vergangenheit. Traurig, mein tolles Team und meine Freund*innen in Brüssel zurückzulassen, aber voller Tatendrang geht es jetzt zur nächsten Etappe: zunächst werde ich mich mit 170.000 anderen auf ein EU Auswahlverfahren im September/Oktober vorbereiten. Von Juli bis Dezember arbeite ich als Human Rights Officer bei der UNO-Vertretung in Osttimor in Südasien, um noch etwas mehr darüber zu lernen, welche Rolle ich in diesen großen, komplizierten Institutionen einnehmen möchte.