Heute: Herr W bekommt sein Fett weg
Fett weg 1
Vorweihnachtszeit in der Wohngruppe von Herrn W. Im abendlichen Küchenfenster spiegelte sich hektische Betriebsamkeit. Die Heißluftfritteuse dröhnte auf vollen Touren, fast so laut wie die Turbinen eines startenden Düsenjets. Aufgepasst: Leichte Übertreibung! Im Inneren der Fritteuse crossten ihre Namensgeber, die legendären Pommes Frit-tenmitge-teuse. Aufgepasst: Wortspiel! Ketchup und Mayo warteten bereits ungeduldig darauf, vom Küchendienst ins Esszimmer transferiert zu werden, der Krümeleistee mit Pfirsicharoma harrte noch der Anrührung, die saftigen Geflügelwürstchen schwammen bereits erwartungsvoll in Startformation im warmen Wasserbad und schauten ihrem Ende als Hotdogs zuversichtlich entgegen. Dies und das hatte seinen Zielort, den Esszimmertisch, bereits erreicht: saure Gurkenscheiben, Röstzwiebeln … Salat – Salat? Der Salat war an der mangelnden Nachfrage gescheitert, die in der Wohngruppengesellschaft seit jeher das Angebot regelte.
Herr W saß derweil auf seinem Stammplatz am Küchentisch. In der einen Hand einen koffeinfreien Cappuccino – wer wollte schon später die Nacht zum Tag machen? In der anderen Hand einen nur für geschulte Blicke sichtbaren Dirigentenstab. Unauffällig überwachte er alle Abläufe – labbrige Fritten, aufgeplatzte Würste mochte doch keiner so wirklich. Unerwartet, aber sich gut in Szene setzend, betrat ein neuer Akteur die Küche, schaute aufmerksam in die Runde – schnupperte und bewegte sich langsam, aber betont demonstrativ auf die Fritteuse zu. Der Blick vorwurfsvoll, aber so was von. „Schon wieder Pommes und Hot Dogs?! Du machst immer dasselbe! Das ist total ungesund und fettig!“ Herr W widersprach nicht, ließ eine kleine Schimpftirade über sich ergehen, versuchte zunächst, den Schwung aus der Attacke zu nehmen. „Sorry, aber war nicht meine Idee gewesen“, sagte er ruhig. In seiner Stimme schwang ein Hauch von Entschuldigung mit. „Na klar, das sagst du immer!“, echauffierte sich der Teenager lautstark, um auch ja die Heißluftfritteuse deutlich zu übertönen. „Beschwer dich beim Küchendienst. Wer kocht, bestimmt auch, was es zum Abendessen gibt. Das weißt du doch.“ „Ich esse nicht mit! Kann ich mein Essensgeld ausgezahlt bekommen?!“ Herr W schaltete vom Leerlauf in den Gang: „Erstens, beim letzten Mal, als es Hotdogs gab, bist du gleich mit drei Portionen abgezogen.“ Und dann noch einen Gang höher: „Zweitens kann ich nicht jedem, der aus irgendeinem Grund kein Bock hat mitzuessen, sein Essensgeld auszahlen. Du kannst auch gerne Brot essen. Es ist alles dafür da. – Oder du gehst zur Abwechslung mittags in den Speisesaal! Und überhaupt, zweimal warm am Tag ist eh Luxus.“ „Nein, ich esse keine Hotdogs mehr, viel zu ungesund … bekomme ich jetzt mein Geld?“ „Da hinten sind Kartoffeln! Ich helfe dir auch beim Schälen – wir machen zusammen Kartoffelbrei!“ „Nein, kein Bock! Gib mir mein Essensgeld, ich hol mir was!“ „Hör jetzt bitte auf zu nerven! Wir machen keine Einzelwirtschaft – nach den Weihnachtsferien vielleicht irgendwann.“ „Dann koch’ doch einfach was Gesundes!“ „Werde ich machen, am Wochenende!“ Die nächsten 10 Minuten verbrachten die beiden Kontrahenten damit Argumente, Lösungen und Vorwürfe auszutauschen. Wobei es wiederholt zu Dopplungen kam. Am Ende gab der Klügere nach - also Herr W, logisch. Damit, liebe Leser*innen, soll keinesfalls behauptet werden, dass Nachgeben in jedem Fall immer klug ist, aber es kann durchaus zielführend sein. „Hier, komm, nimm 5 Euro und zieh ab! Vergiss aber den Kassenbon nicht!“ Herr W hatte den Kampf verloren, aber dafür seine Ruhe wiedergewonnen. Er war zufrieden, vorerst.
Es war vielleicht eine Stunde vergangen, als der Teenager wieder auftauchte – und er staunte nicht schlecht, was jetzt so alles aus der Einkaufstüte seinen Weg vor seine Nase, also auf den Küchentisch, fand: zwei Dosen Red Bull, zwei Plastikbecher mit 5-Minuten-Terrine in den Geschmacksrichtungen Kartoffelbrei mit Erbsen und Kartoffelbrei mit Röstzwiebeln und zu guter Letzt ein Päckchen Instant-Asia-Nudeln mit einem scharfen Chili-Dip. „Hier der Kassenbon, den Rest habe ich selber draufgelegt, ist etwas teurer geworden!“ „Ahh!“, entglitt es Herrn W, dann schob er noch kurz, jedes Wort einzeln betonend, nach: „Ich-koche-also-ungesund-und-fettig!? Weswegen hast du vorhin nochmal so einen Aufstand gemacht?“ Der Teenager zuckte mit den Schultern, schnappte sich die 5-Minuten-Terrinen und befüllte den Wasserkocher, wollte nicht mehr von ihm angesprochen werden. In Herrn Ws Oberstübchen begann es zu arbeiten – musste er das verstehen?
Fett weg 2
Es ist immer noch Vorweihnachtszeit in der Wohngruppe von Herrn W. Die Heißluftfritteuse schweigt. Nicht so der Teenager neben Herrn W, als Herr W ihm gestand, dass es am heutigen Abend Pfannkuchen geben soll. „Deine Pfannkuchen kann ich nicht essen, die sind zu fettig. Die vertrage ich nicht, du weißt doch, dass ich abends dann immer Sodbrennen bekomme, wenn ich im Bett liege.“ Herr W nickte verständnisvoll, dann kam sein Aber: „Du musst dir ja nicht immer so dick Sucuk und Käse oder Nutella draufmachen, dann werden meine Pfannkuchen auch bekömmlicher!“ „Nee, lass mal, die sind mit Öl.“ Auch hier beschwichtigte und berichtigte Herr W: „Im Teig ist kein Öl und ich kann die mit ganz wenig Fett in der Pfanne backen. Vielleicht liegt es auch daran, dass du zu viele von den Pfannkuchen isst, einer würde vielleicht reichen und wir essen heute ja relativ früh zu Abend.“ „Nee, die sind mir einfach zu fettig. Fisch ist gut verträglich. Steht hier auf meiner Liste für den Magen.“ „Gut verträglich und auch teuer. Was für einen Fisch meinst du denn überhaupt? Seelachs, Kabeljau?“ Du siehst, schon zappelte Herr W an der Angel des Teenagers. „Bring mal Lachs mit.“ „Lachs ist aber teuer und auch recht fettig.“ Der Teenager stellte auf Durchzug. Herr W wurde das Gefühl nicht los, gegen eine Wand zu reden. „Fisch steht hier aber auf meiner Liste.“ Wieder wurden Argumente ausgetauscht – hin und her und her und hin. „Mach doch was du willst! Hol ich dir eben Tiefkühllachs!“ Herr W saß mit seinem Cappuccino – koffeinfrei – am Küchentisch und wartete darauf, dass er endlich mit den Pfannkuchen anfangen konnte – und wartete und wartete... Der Teig war schon lange fertig, aber der Herd war immer noch besetzt – entgegen der Absprache. Herr W hatte wenig Bock darauf, sich neben den Teenager an den Herd zu quetschen und vorher noch für ihn sauberzumachen. Dieser hatte zuvor in aller Seelenruhe Zwiebeln zerlegt und Teile davon großzügig auf Herd und Fußboden verteilt. Die Restzwiebeln briet er jetzt in Öl zusammen mit dem Lachs an, dann rührte er noch ordentlich Frischkäse dazu, um den Geschmack zu intensivieren. Damit es nach was schmeckt, erfuhr Herr W auf Nachfrage und zum Schluss hob der Teenager noch einige halbierte Cherrytomaten unter die cremige Soße. Dazu sollte es Nudeln geben. Als er endlich fertig war, schaute sich Herr W das Ergebnis skeptisch an: „Fettarm? Leicht verdaulich? Ich frage mich, wieso du eben diesen Aufstand wegen meiner Pfannkuchen gemacht hast.“ Der Teenager zuckte mit den Schultern und befüllte wortlos seinen Teller. In Herrn Ws Oberstübchen begann es zu arbeiten – musste er das verstehen?
Fett – die Probe aufs Exempel
Dienstagmorgen. Zur Teamsitzung gab es stets vier Spiegeleier, zwei für Herrn W, zwei für den Herrn Kollegen, damit die schweren pädagogischen Gedanken auch eine ordentliche Grundierung bekamen. Herr W stellte die Bratpfanne auf den Herd und gab so viel Öl hinein, dass die Eier ohne Seepferdchenabzeichen ersoffen wären – und fertig. Sunny Side ab auf den Teller des Kollegen. Der begann sogleich mit ihrer Vernichtung. Kein Gemäkel. Nur Schlürfen und Schmatzen war zu hören. In Herrn Ws Oberstübchen begann es zu arbeiten: Am Fett kann es also nicht gelegen haben.