„Ein Ort, an dem Lebenswege entstehen“
Mitten im bunten, fröhlichen Treiben auf dem blista-Sommerfest füllte sich die Aula im Unterstufengebäude. Anlass war die kleine Feierstunde, die blista und DVBS zu ihrem 110. Geburtstag ausrichteten. Aktuelle Schüler*innen, deren Eltern, Mitarbeitende der blista, Mitglieder des DVBS und jede Menge Ehemalige waren gekommen, um gemeinsam auf 110 Jahre Engagement für mehr Teilhabe zurückzublicken und zu feiern. Mit einer eigenen Version des Evergreens „Final Countdown“ hießen die Schüler*innen der Jahrgangsstufe 5 die zahlreichen Gäste willkommen. Im Song „Hier an der blista“ beschreiben die Schüler*innen ihren Alltag: „Wir lernen gemeinsam, eigene Wege zu gehen. Wir halten zusammen, egal was passiert.“
Marburgs Stadträtin und Sozialdezernentin Kirsten Dinnebier gratulierte den beiden Geburtstagskindern und hob die Bedeutung von blista und DVBS für die Universitätsstadt Marburg hervor. „Für uns ist es ein Geschenk, die blista in Marburg zu haben.“ Die blista verkörpere „Bildungsgerechtigkeit, um Chancen zu eröffnen“. Sie fördere Mut und Selbstbewusstsein. Die unzähligen Schüler*innen, die ihre Schulzeit an der blista verbracht haben, seien „Botschafter*innen für Marburg auf der ganzen Welt.“ In Zeiten knapper Kassen und angespannter gesellschaftlicher Stimmung sei „eine Selbsthilfeorganisation wie der DVBS mit seinen Expert*innen in eigener Sache wichtiger als je zuvor.“
Der Vorsitzende des DVBS, Werner Wörder, griff diesen Gedanken auf und betonte, dass gerade „in diesen Zeiten Selbsthilfe aktiv und laut“ sein müsse. Etwa bei der anstehenden Novellierung des Behindertengleichstellungsgesetzes müsse sich der Verband einbringen. „Unsere Aufgabe ist es, dass Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung in öffentlichen Debatten sichtbar sind“, um gegen den sich ausbreitenden Rechtsruck in der Gesellschaft das Wort ergreifen zu können. Eine der wesentlichen Aufgaben des DVBS sei es, „die Vernetzung von Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung untereinander zu fördern und zu unterstützen.“ Daher wünschte sich Werner Wörder zum Abschluss seiner Rede, dass „ihr aktuellen blista-Schüler*innen bald ein Teil unserer Selbsthilfe-Familie werdet, damit wir auch in Zukunft gemeinsam für mehr Teilhabe auf allen Ebenen streiten können.“
Der stellvertretende Vorsitzende des blista-Verwaltungsrats, Dr. Michael Richter, freute sich, beiden Organisationen gratulieren zu dürfen: „Ein Vergnügen ist diese Aufgabe deshalb für mich, weil mich sowohl mit der blista als auch mit dem DVBS eine gemeinsame Geschichte verbindet und ich von dem Wert und der Notwendigkeit beider Organisationen zutiefst überzeugt bin.“ Michael Richter beschrieb anhand seiner eigenen Biografie, wie wichtig und prägend blista und DVBS für ihn und seinen Lebensweg waren. Er kam 1986, etwa ein Jahr nach seiner Erblindung, an die blista, um hier eine blindentechnische Grundausbildung (BtG) zu absolvieren. „Mit jeder Menge Zukunftsängsten und Frustrationsgefühlen.“ Im Anschluss daran besuchte Richter die Carl-Strehl-Schule und legte an der blista sein Abitur ab. Seine Lerneffekte fasste er ehrlich und bewegend so zusammen: „Kurzum, ich lernte, mich mit meiner Behinderung zu arrangieren. In dieser Phase lernte ich also wirklich eine Menge, am wichtigsten war aber, dass ich lernte, dass Einsatz und Beharrlichkeit zum Erfolg führen und in mir vielleicht doch mehr Talente schlummerten, als ich jemals, auch als nicht behinderter Jugendlicher, vermutet hätte.“
Zum DVBS kam Richter über eine rechtliche Beratung während seines Jurastudiums. „Dort lernte ich dann, wie wichtig der Gedanke von Selbsthilfe ist und sich innerhalb einer Peer-Group auszutauschen und zu engagieren.“ Daraus wurde sein Einstieg in die Berufstätigkeit, als er 2004 die Geschäftsführung des DVBS übernahm. „Ohne blista und DVBS hätte ich ganz sicher nicht meinen Weg so beschreiten können. Daher bin ich beiden sehr dankbar.“
Patrick Temmesfeld, Vorstandsvorsitzender der blista, ging in seiner Rede auf die geschichtliche Entwicklung der blista ein, beschrieb die sich über die Jahrzehnte gewandelten Aufgaben und mahnte, in Anbetracht des rauer werdenden Klimas: „Teilhabe ist kein Luxus. Inklusion ist kein Zusatzprogramm für gute Zeiten, sondern sie gehört zum Fundament einer offenen und demokratischen Gesellschaft.“
Außerdem betonte Patrick Temmesfeld, dass „die blista auch in Zukunft ein Ort für Menschen mit und ohne Beeinträchtigung sein wird, an dem Lebenswege entstehen und gegangen werden, mit der Unterstützung, die individuell benötigt wird.“ Zum Schluss bedankte sich der Vorstandsvorsitzende der blista: „Geschichte lebt nicht nur in Jahreszahlen, sondern in Menschen, Begegnungen und gemeinsamen Erinnerungen. Darum danken wir allen, die die blista gestern, heute und morgen tragen.“
Nach den zurück und nach vorne blickenden Grußworten begeisterte die blista-Schülerin Enie mit Gesang und Gitarre die Festgäste mit ihrer kraftvollen Balladenversion des 80er-Jahre-Klassikers „Eye of the Tiger“.
Thorsten Büchner, Moderator der kleinen Feierstunde, bat dann Jochen Lembke, früherer Schulleiter der Carl- Strehl-Schule, sowie Leonore Dreves, stellvertretende Vorsitzende des DVBS, zum „Zeitzeugengespräch“.
Auf ihre Wünsche für die Geburtstagskinder angesprochen, sagte Leonore Dreves, dass sie „dem DVBS ewige Jugend, aktive Mitglieder und Fachgruppen sowie viele neue Mitglieder wünscht.“
Jochen Lembke zog eine Analogie zum Wetter: „Es wird sicherlich auch mal bewölkte Zeiten geben, aber auf Dauer wird sich die Sonne durchsetzen. So war es immer und so wird es auch in der Zukunft sein.“
Auf die Frage, wie die blista zu Beginn seiner Tätigkeit als Lehrer 1980 aussah, verdeutlichte Jochen Lembke zunächst die „vielen baulichen Veränderungen, die den Charakter der heutigen blista so geprägt und erst ermöglicht haben“. In seinen knapp 40 Jahren an der blista habe sich der Lernalltag „schon ziemlich gewandelt“. Zu Beginn seiner Zeit habe er „selbst viel von den Schüler*innen gelernt“. Später habe er dann versucht, „Vertrauen, Autonomie und Widerstandsfähigkeit in unseren Schüler*innen zu wecken, indem ich sie habe einfach machen lassen und ihnen etwas zugetraut habe“. Besonders ist Lembke das Jahr 1989 in Erinnerung. „Da ist es uns gelungen, zusammen mit dem Land Hessen, die blista vor dem Konkurs zu retten. Mit enormen Kraftanstrengungen, gemeinsam haben alle an einem Strang gezogen. Das war eine fordernde Zeit, deren Mühen sich aber gelohnt haben.“
Das Beeindruckendste in seinen vielen Jahren an der blista „waren aber die Menschen, die ich hier kennenlernen durfte. Sie haben mein Lebenswerk bestimmt.“
Für Leonore Dreves besteht der große Wert im DVBS in der „gegenseitigen Unterstützung, dem Austausch untereinander“. Sie kam ebenfalls über eine Rechtsberatung zum DVBS und wollte „dann gerne etwas zurückgeben, um sich auch für mehr berufliche und gesellschaftliche Teilhabe einzusetzen“. Besonders wichtig ist ihr die Mitwirkung in verschiedenen Fachgruppen, auch in der Fachgruppe für Mitglieder mit zusätzlichen Beeinträchtigungen. Einen besonderen Einblick in die Geschichte von blista und DVBS gab es, als spontan Manfred Rauch das Wort ergriff. Er wurde 1964, noch von Carl Strehl persönlich, als Lehrer an die blista geholt. Rauch erzählte eine launige Anekdote aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, als amerikanische Soldaten den heutigen Campus besuchten und sich über die große Anzahl blinder Personen wunderten.
Moderator Thorsten Büchner fragte während der Veranstaltung das Publikum, wer von ihnen denn die längste gemeinsame Geschichte mit den Geburtstagskindern verbindet. Erst nach der Veranstaltung gab sich der „eigentliche Sieger“ dieser interaktiven Publikumsbefragung zu erkennen. Der Ehrenvorsitzende des DVBS, Otto Hauck, erzählte, dass er als „junger, fränkischer Bursche“ 1953 als Schüler an die blista wechselte. „Ich habe mich nur nicht gemeldet, weil ich Angst hatte, dass ich dann mit meinen 88 Jahren nach vorne zu Ihnen auf die Bühne muss, Herr Büchner!“
Nach so viel lebendiger Geschichte wechselte die Besetzung an Büchners Interviewtisch. Die beiden Schülerinnen Greta Kollande (Jahrgangsstufe 11) und Lotta Quinders (Jahrgangsstufe 10) erzählten sympathisch und offen von ihrem blista-Alltag.
„Das, was mir hier so besonders gefällt, ist, dass alle so genommen werden, wie sie sind. Es ist immer die Bereitschaft da, für Probleme nach gemeinsamen Lösungen zu suchen. Das empfinde ich als ein wunderschönes Engagement“, beschrieb die blinde Lotta. „Als ich hier angekommen bin, wurde mir der Einstieg so leicht gemacht“, ergänzte die sehbehinderte Greta.
Beide wünschen sich, dass die „blista etwas sichtbarer wird, wenn es um die Zusammenarbeit mit anderen Marburger Schulen geht“, sagte Lotta Quinders. Auch Greta stimmte zu: „Es ist manchmal ein wenig aufwendig, aus der blista- Bubble rauszukommen“, erläuterte sie lachend.
Mit diesem authentischen Einblick in den Alltag zweier junger Frauen ging die kleine Feierstunde zu Ende. Dann stürzte sich die Festgesellschaft in die Verlockungen des Sommerfestes und ließ die Jubiläumsfeier angemessen ausklingen