Der Junge, der im Dunkeln sah – Rasa Bugavicute-Pece
Lettland Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre. Jekabs lebt mit seinen Eltern in einem Wohnheim für junge, blinde Berufstätige. Er muss schon früh erwachsen werden, um seine blinden Eltern im Alltag zu unterstützen, unauffällig das eine oder andere kleine Malheur beseitigen oder auch Dinge suchen, die seinen Eltern oder deren blinden Bekannten verloren gegangen sind.
„Schau mal, Schätzchen, bei der Spüle, mir ist da irgendwo das Auge rausgefallen …“, sagt Tante Daina. (…) Die Glaskugel war auf den Boden gefallen und in die hinterste Ecke unter der Spüle gerollt. Eine langsame, weil alte Kakerlake klettert darüber hinweg und setzt ihren Weg fort. Ich zucke kein bisschen zusammen – Kakerlaken sind im Wohnheim eine normale Erscheinung. Zumindest für mich. Die anderen sehen sie ja nicht. Jekabs, der unauffällige Helfer, der seine eigenen Bedürfnisse hintenanstellt. Mit der Zeit beginnt es in ihm zu brodeln. Er will nicht mehr bloß das Projekt seiner blinden Mutter sein: nirgends unangenehm auffallen, einfach nur immer da sein, unterstützen und das penible Ordnungssystem seiner Mutter in der elterlichen Wohnung nicht durcheinanderbringen. Er, der sehende Sohn blinder Eltern, will ein ganz normales Kind sein. Immer öfter begehrt er gegen das Regiment seiner Mutter auf, erschleicht sich kleine Freiheiten, indem er die Blindheit seiner Eltern ausnutzt, immer offensiver sucht er nach Eigenständigkeit. Klar, dass da die Alarmglocken seiner Mutter schrillen. Aus Angst vor dem Verlust ihres Sohnes versucht sie, seine Ausbruchsversuche zu behindern, wird psychisch labil.
„Nun …“, sagte der Arzt und schaut von den Unterlagen auf. (…) Erst schaut er mich an, dann wendet er sich Mama zu: „Wenn du verrückt geworden wärst, dann würde es dir die ganze Zeit gut gehen.“ (…) „Wenn es dir schlecht geht, dann ist alles in Ordnung mit dir. Nur den Verrückten geht es gut.“ (…) Ich schaue zu Mama und sehe, dass sie zufrieden ist! Sie kann ihre Emotionen nicht verbergen, sie weiß nicht, dass sie jeder sehen kann, und ich möchte gleich noch mehr lachen. Darüber, dass sie gerade so glücklich neben mir sitzt, und darüber, dass ihr der Gedanke genügt, dass es ihr gut geht, wenn es ihr schlecht geht… Und an Jekabs gewandt, der ihm gerade von seinen Selbstmordfantasien berichtet hat. „Und was hat dich bisher davon abgehalten?“ fragt er. Bevor ich antworte, muss ich kurz lächeln. „Ich bin ein guter Junge.“
Ein leichthändig geschriebenes und gut zu lesendes Jugendbuch für die Altersspanne zwischen - ich würde mal sagen - 10 bis 15 Jahre. Ein sehendes Kind mit blinden Eltern? Darf man sich so die Realität vorstellen oder ist es doch nur reine Fiktion? Empfehlen kann ich zu diesem Thema deshalb ein weiteres Buch: Blind mit Kind von Hannah Reuter (blista-News 1/2025)