Schnupperstudium der Naturwissenschaften mit Blindheit?

Lia Hardy, Schülerin der Jahrgangsstufe 12

Kurz vor den Sommerferien habe ich an der MINT Summer School for Girls der Philipps-Universität Marburg teilgenommen. „MINT“ bedeutet „Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik“. Im Rahmen der MINT Summer School for Girls erhalten Mädchen der Jahrgangsstufe 11 in einer Schulwoche viele Einblicke in die Studienfächer Geographie, Physik, Informatik, Mathematik, Chemie und Biologie und lernen dabei den Studienalltag kennen. Genau das Richtige für mich, dachte ich, denn meine große Leidenschaft ist die Chemie. Aber ist ein Chemiestudium für eine vollblinde Person wie mich überhaupt möglich? Das würde ich während der MINT School herausfinden.

Schon vor der MINT School war ich im regen Austausch mit der Organisatorin Tatjana Laudage. Dabei merkte ich, wie offen und engagiert alle Beteiligten für meine Teilhabe an der MINT School waren – das nahm mir meine letzten Zweifel.

Großartiges Engagement

Lia auf der Treppe vor dem Fachbereich Chemie der Uni Marburg – sie hält ihren Langstock in der Hand und hat einen Rucksack neben sich.

Und dann ging es am 15. Juni auch schon los. Während der ganzen MINT School waren wirklich alle sehr herzlich und offen. Vor allem Tatjana und Mitorganisatorin Lilian Krombach unterstützten mich, wo sie nur konnten, zum Beispiel bei der Orientierung auf dem riesigen und unglaublich verworrenen Uni-Gelände. Sätze wie „Jetzt auf ungefähr 10 Uhr.“ (leichte Linkskurve) und „Jetzt 3 Uhr.“ (scharfe Rechtskurve) waren für die beiden schnell selbstverständlich. Und auch die anderen Teilnehmerinnen unterstützten mich oft. Bei Gruppenarbeiten fand ich schnell Anschluss und konnte gut mit den anderen arbeiten, was vor meiner Zeit an der blista fast nie richtig funktionierte. Niemanden hat es gestört, dass ich bei der Rallye zur Erkundung des Campus auf den Lahnbergen nicht wirklich mitmachen konnte, weil viele Objekte gesucht wurden, die irgendwo in den Gebäuden oder auf dem Hof herumstanden. Hier schlug Tatjana vor, die Rallye abzuändern und sie zum Beispiel mit mehr Quizfragen zu füllen.

Auch die Dozent*innen der einzelnen Fachbereiche legten sich wahnsinnig ins Zeug, damit ich alles richtig nachvollziehen und alle Aufgaben ohne viele Hürden erledigen konnte. So verzichtete die freundliche Dozentin in der Physik auf das Mikroskopieren. Stattdessen durften wir uns mit der Analyse von Klängen beschäftigen. Die dabei entstehenden Grafen bekam ich als vorher vorbereitete Schwellkopien – ein erhabenes Bild auf speziell beschichtetem Papier. Dadurch konnte ich erfühlen, was die anderen als Ergebnis der Klanganalyse sahen.

In Mathematik befassten wir uns unter anderem mit linearer Regression, wobei wir ziemlich an unsere Grenzen stießen. Die sehr zuvorkommende und lustige Dozentin musste sich immer wieder meinen Fragen zum LaTeX in ihrem Vorlesungsskript stellen, die sie stets mit „Das sind Angaben zur Formatierung.“ beantworten durfte. Solche Kennzeichnungen werden in unserem Mathematikunterricht nicht verwendet. Auch hier bekam ich Schwellkopien zum Erfühlen der Grafen.

Generell habe ich solch ein Engagement außerhalb der blista selten erlebt.

Wo ich an meine Grenzen stieß

Mir war von Anfang an klar, dass es für mich in Geografie, Informatik und Biologie schwieriger werden könnte, da hier ausschließlich visuelle Elemente im Spiel sein würden. Dennoch schlug ich mich gut durch:

Der Dozent in Geografie war Meister im Erklären. So konnte ich gut nachvollziehen, wie die anderen mit speziellen Geräten Koordinaten einmaßen, mit einer Drohne Luftbilder machten und diese Daten dann in einem vorhandenen Satellitenbild auf dem Computer verorteten.

In Informatik war ich nur teilweise dabei, weil mir Tatjana ein Gespräch mit einem Referenten der Service- und Beratungsstelle für ein inklusives Studium (SBS) organisiert hatte, das sehr interessant und aufschlussreich war. Im Computerraum angekommen, diktierte ich Lilian Buchstabenkombinationen, die sie auf kleine Zettel schrieb. Diese wurden dann durch eine andere Person an eine Dritte übermittelt – oder auch nicht.

Das sollte das Internetprotokoll darstellen, bei dem nicht immer alle Daten sofort und richtig übertragen werden können. Natürlich durfte das Programmieren nicht fehlen, das übernahmen die beiden anderen Gruppen.

In Biologie lauschte ich gespannt den Vorträgen der Dozentinnen über die Fluoreszenz- und Elektronenmikroskopie. Außerdem durften wir selbst im Labor Proteine aus Bakterienkulturen extrahieren.

Alle haben stets ihr Bestes gegeben, mir die visuellen Elemente zu erklären. Mir wurde definitiv nicht langweilig, auch wenn ich mal nicht selbst mitmachen konnte.

Auf ins Chemielabor!

Lia hantiert im Chemielabor mit Trockeneis – sie trägt einen Laborhandschuh, einen weißen Laborkittel und eine Schutzbrille.

Und dann kam der Chemietag, auf den ich mich die ganze Zeit gefreut hatte. Für diesen Tag wurde mir von der SBS eine Assistenz zur Verfügung gestellt, die mir Versuchsaufbauten beschrieb und Durchführungen vorlas. Auch die Laborassistent*innen waren sehr nett, hilfsbereit und lustig und ich konnte sie mit meinen Fragen löchern. Toll war, dass ich einiges selbst machen durfte, wie das Zerschlagen von Trockeneis oder das Reinigen der Titanstücke für die Elektrolyse. Die Teilnehmerinnen unterstützten mich beim Pipettieren von Kupfersulfat und Ammoniak, indem sie die Skala ablasen und mir mitteilten, wann die erwünschte Menge der Flüssigkeiten im Reagenzglas erreicht war. Ich habe gemerkt, dass mir das Experimentieren im Labor wirklich Spaß macht und dass ich das in Zukunft gern weitermachen möchte. Ich denke, dass die Laborarbeit mit Unterstützung auch mit Blindheit möglich ist.

Studienorientierung und Abschlussveranstaltung

Zur MINT Summer School gehört auch die Studienorientierung an zwei Tagen mit Erfahrungsberichten von Studentinnen, Selbsteinschätzungen und Recherchen zu Studiengängen. Bei diesen Programmpunkten hatte ich keine Probleme, weil sie fast keine visuellen Elemente enthielten. Die Woche endete im Chemikum mit einer kleinen Abschlussveranstaltung mit Angehörigen und Freund*innen, bei der alle Teilnehmerinnen ihr Zertifikat erhielten. Außerdem wurde das Video gezeigt, für das wir im Laufe der Woche fleißig Bilder machten und kurz vor der Veranstaltung zusammenschnitten.

Fazit

Meine Erwartungen an die MINT Summer School wurden in jeder Hinsicht übertroffen. Von dem Engagement aller Beteiligten bin ich immer noch überwältigt. Wir alle haben viele neue Erfahrungen und Eindrücke gesammelt. Mein großer Dank geht daher an alle Dozentinnen und Dozenten und besonders an Tatjana und Lilian für diese wunderbare Woche, die uns sicher lange in Erinnerung bleiben wird!

Mehr aus diesem Heft