Ich bin Anna – Tom Saller
Wien im Kriegswinter 1917/18: Der Trubel im Hause Freud ist verklungen und Stille ist eingezogen. Die drei Söhne Sigmund Freuds befinden sich an der Front, die beiden ältesten Töchter sind bereits verheiratet und ausgezogen. Sie alle eint, dass sie wenig Interesse an den Forschungen ihres Vaters zeigen. Nur das Nesthäkchen Anna wohnt noch bei ihm im Haushalt. Anna ist auch das einzige seiner Kinder, das sich für seine Arbeit interessiert. Daher plant Sigmund Freud, sein analytisches Erbe an seine jüngste Tochter weiterzugeben. Anna ist durchaus daran interessiert, irgendwann in die großen Fußstapfen ihres übermächtigen Vaters zu treten, sein Erbe zu übernehmen und zu erhalten. Gleichzeitig versucht sie aber zaghaft, ihren eigenen Weg zu gehen, ihre eigenen Kämpfe zu bestreiten, als junge, kränkliche Frau in einer von Männern dominierten Welt – da macht auch das Forschungsfeld der Psychoanalyse keine Ausnahme.
Ich bin Anna – man nehme einige historische Fakten, verbaue sie so, dass daraus eine plausible Geschichte wird und verwebe darin fiktionales Personal, so wie Ludwig Stadlober, der nach einem Senfgasangriff erblindete, später wieder das Augenlicht erlangt, aber völlig unerwartet – anatomisch von den Ärzten nicht erklärbar – von immer wiederkehrenden Phasen der Blindheit betroffen wird. Ist Stadlober ein Simulant, der sich vor dem Fronteinsatz drückt, oder was sonst könnte hinter diesen Episoden der Blindheit stecken? Nach langem Zögern begibt sich Stadlober bei Sigmund Freud in Behandlung, sieht in ihm aber nicht mehr als den letzten Strohhalm, nach dem er greifen kann. Was der junge Frontsoldat Stadlober nicht weiß – er dient Sigmund Freud als Lehrpatient für seine Tochter Anna, die er in die Psychoanalyse einführen will. Freud ahnt allerdings wiederum nicht, dass Anna sich hinter seinem Rücken mit dem jungen Stadlober trifft – ein Fauxpas in diesem Metier. Es entspinnt sich eine Dreiecksbeziehung mit fatalen Konsequenzen.
Ich bin Anna ist Faction, so Tom Saller, eine auf Fakten basierte Fiktion, nicht Wahrheit, aber es hätte sich durchaus so zutragen können. Ein Roman, der zum Ende hin eine dramatische Wendung erfährt. Das hat für mich die ganze Erzählung etwas aufgepeppt, denn für meinen Geschmack muss man schon ein gewisses Faible für die Anfänge der Psychoanalyse mitbringen. Gut geschrieben ist der Roman, aber das Sujet sollte einen schon etwas interessieren.
Auch als Hörbuch in der Leselust-App der „Deutschen Blinden-Bibliothek“ zu finden.